Newsletter ausdruckenPRODIALOG-NEWS: NEUES AUS DER INITIATIVE

17.09.2008

Im Interview: Dr. Kai Arzheimer

Dr. Kai Arzheimer ist Politikwissenschaftler am Department of Government der University of Essex (Großbritannien). Sein jüngstes Buch beschäftigt sich mit den Wählern der Extremen Rechten in Westeuropa. Wir wollten wissen, warum der Dialog zwischen Politikern und Bürgern oft nicht funktioniert.

ProDialog: Viele Nichtwähler scheinen eher politiker- als politikverdrossen. Wie kommt das?
Dr. Arzheimer: In früheren Zeiten war der Anteil der Stammwähler, die einer Partei über Jahrzehnte hinweg die Treue hielten, höher. Für diesen sehr loyalen Personenkreis waren die Fehler (und Qualitäten) des Führungspersonals vermutlich weniger wichtig als die Identifikation mit der Partei und ihren Werten und Zielen. Gewählt wurde aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus. Heute sind viele Bürger politisch weniger gebunden. Sie beurteilen Politiker aller Parteien kritischer, ohne deshalb das Interesse an der Politik zu verlieren.

Was können Parteien und Politiker tun, um Bürgerinnen und Bürger wieder zu erreichen?
Es gibt kein Patentrezept. Politik ist heute unübersichtlicher als in den 50er oder 60er Jahren, und die alten, über Kirchen und Gewerkschaften vermittelten Bindungen an die Parteien verlieren langsam aber stetig an Bedeutung. Parteien konkurrieren stärker als früher mit Verbänden, Interessengruppen, Bewegungen und den (elektronischen) Medien um das Informations- und Deutungsmonopol. Zugleich sind die Bürger aufgrund ihrer im Schnitt sehr viel höheren formalen Bildung immer weniger darauf angewiesen, dass ihnen ein einzelner Akteur die Welt erklärt.

Die Präsidentschaftskandidaten im US-Wahlkampf setzen stark auf die Möglichkeiten des Web 2.0. Sie twittern, sind bei Facebook oder MySpace aktiv und mobilisieren so viele Bürgerinnen und Bürger. Ist das etwas, das auch in Deutschland funktionieren würde?
Auch in Deutschland ist das Internet seit mindestens zehn Jahren ein fester und zunehmend wichtiger Teil der politischen Kommunikation. Allerdings liegt Deutschland, was die allgemeine Nutzung und Verfügbarkeit des Internets betrifft, immer noch etwas hinter den USA zurück. Damit ist das Potential für direkte Effekte grundsätzlich geringer. Dienste wie Facebook, MySpace und Twitter werden auch in den USA derzeit noch hauptsächlich von der aus rein numerischen Gründen politisch weniger wichtigen Wählergruppe der 18-29 Jährigen genutzt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang vor allem das Image der Modernität, das über konventionelle Medien verbreitet wird.

 
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